Die schicke Opferrolle

Der Verantwortungs-/Schuldirrtum erlaubt es den Leuten, die Verantwortung für das Lösen ihrer Probleme an andere weiterzureichen. Die Möglichkeit, Verantwortung durch Schuldzuweisung an andere abzugeben, verleiht Menschen ein zeitweiliges Hochgefühl und das Gefühl, moralisch im Recht zu sein.
Dummerweise ist eine Nebenerscheinung des Internets und der sozialen Medien, dass es leichter als je zuvor ist, die Verantwortung – und sei es nur die kleinste Regel Überschreitung – einer anderen Gruppe oder einer anderen Person zuzuschieben. Dieses Spiel von Schuld und Schande ist sogar recht beliebt geworden, in einigen „Crowds“ scheint es sogar „cool“ zu sein. Dieses öffentlichkeitswirksame Teilen von „Ungerechtigkeiten“ bringt in den sozialen Medien weit mehr Aufmerksamkeit und emotionale Ergüsse ein als andere Ereignisse. Es belohnt Menschen, die sich fortwährend als Opfer fühlen, mit ständig wachsender Aufmerksamkeit und Sympathie.
Der „Opferrollenschick“ ist heute links und rechts in Mode, bei den Reichen wie bei den Armen. Vermutlich ist es das erste Mal in der Geschichte der Menschheit, dass sich jede einzelne demografische Gruppe unfair behandelt fühlt – und zwar alle gleichzeitig. Und alle reiten auf dem hohen Ross der moralischen Empörung.


Je mehr Menschen sich selbst schon beim kleinsten Verstoß als Opfer sehen, desto schwerer kann man die wirklichen Opfer erkennen. Die Leute werden süchtig nach dem Gefühl, angegriffen oder gekränkt worden zu sein, denn es gibt ihnen einen Kick: Selbstgerecht und moralisch überlegen zu sein, fühlt sich einfach gut an.
Wir sollten unsere Schlachtfelder sorgfältig auswählen und gleichzeitig versuchen, uns ein wenig in unseren sogenannten Feind hineinzuversetzen. Wir sollten Nachrichten und Medien mit einer gesunden Dosis Skepsis begegnen und jene, die anderer Meinung sind, nicht zu schwarz-weiß darstellen. Werte wie Ehrlichkeit oder Transparenz sollten wir unterstützen und Werten wie „Rechthaben“, „Sich gut Fühlen“ oder „Racheüben“ mit einem gesunden Maß an Misstrauen begegnen. Die „demokratischen“ Werte sind im Geschnatter der vernetzten Welt schwieriger aufrechtzuerhalten aber wir sollten unsere Verantwortung anerkennen und sie trotz allem fördern…

Alles Liebe
Martina

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